23. Jänner 2026

# Arbeit & Wohlstand

Das lange Zaudern – Mercosur und die Glaubwürdigkeit Europas

Was wir gerade beim Mercosur-Abkommen erleben, ist mehr als ein stockender Handelsvertrag. Es ist ein Lehrstück darüber, wie sehr Europas politische Unentschlossenheit seine Glaubwürdigkeit auf der globalen Bühne untergräbt.

 

Seit Jahren wird verhandelt, vertagt, neu bewertet. Nationale Befindlichkeiten wechseln sich ab mit moralischen Belehrungen, internen Blockaden und dem ständigen Versuch, es allen recht zu machen. Am Ende bleibt eines: Unklarheit.

Unklarheit ist in der internationalen Politik keine neutrale Haltung – sie ist ein Signal.

Ein Signal an Partner, dass Zusagen relativ sind.

Ein Signal an Wettbewerber, dass Europa sich selbst lähmt.

Ein Signal an Unternehmen, dass langfristige Planung riskant wird.

 

Für unsere Partner in Südamerika (und in der Welt) bedeutet das: Wer verlässlich handelt, bekommt den Zuschlag und wenn Europa zögert, springen andere ein. Die Welt wartet nicht bis europäische Grundsatzdebatten ausdiskutiert sind.

 

Für uns selbst ist der Schaden noch größer, denn die Europäische Union lebt von ihrer Rolle als regelbasierter, verlässlicher Akteur. Wer ständig Bedingungen nachschärft, Kompromisse politisch zerredet und Entscheidungen vertagt, verspielt genau dieses Kapital.

Das Mercosur-Abkommen wäre nicht perfekt. Kein internationales Abkommen ist das. Aber es wäre ein strategisches Signal gewesen: Europa meint es ernst mit offenen Märkten, geopolitischer Partnerschaft und wirtschaftlicher Stärke.

 

Stattdessen senden wir etwas anderes aus: Zaudern. Zweifel. Selbstbeschäftigung.

Für einen Kontinent, der wirtschaftlich massiv unter Druck steht, global um Einfluss ringt und seine industrielle Basis sichern will, ist das kein Luxusproblem – es ist ein Standortnachteil.

Europa muss sich entscheiden, was es sein will:

Gestaltende Kraft oder kommentierende Instanz.

Verlässlicher Partner oder moralischer und moralisierender Zuschauer.

 

Auf der globalen Weltbühne zählt am Ende nicht, wie lange man diskutiert hat, sondern ob man handelt.

Die Autorin

Elisabeth Sauritschnig

Elisabeth, geboren in Kärnten, studierte Wirtschaftsrecht an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihre Karriere führte sie von Anwaltskanzleien über den Österreichischen Wirtschaftsbund und das Parlament bis zur Büroleitung im Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft. Nun engagiert sie sich als Geschäftsführerin der Julius Raab Stiftung in wirtschaftlichen und politischen Projekten.