Wer nicht schläft, der nicht gewinnt

Mehr als 60 Prozent der Spitzenpolitiker sind häufig unausgeschlafen, beinahe ein Drittel schläft weniger als sechs Stunden pro Tag. Wenn das Zahlen wären, die während der dramatischen Zeit des COVID-19-Ausbruchs oder des viertägigen EU-Gipfels der Staats- und Regierungschefs zur europäischen Recovery aus der COVID-19-Krise präsentiert worden wären, würde es einen nicht wundern. Dass diese Zahlen aus der Politiklandschaft jedoch mit den vergangenen Monaten und Tagen nichts zu tun haben sondern die Regel darstellen und sich über die letzten 100 Jahre auch gesellschaftlich vieles in eine ähnliche Richtung entwickelt hat, liefert neben dem Tag des Schlafes (21. Juni) Grund genug, das Thema kritisch zu betrachten.

Historischer Wandel des Schlafverhaltens in der Gesellschaft klar erkennbar

Vor Einführung der Glühbirne (1913) schliefen Menschen rund neun Stunden lang, 100 Jahre später lag der Durchschnitt nur noch bei in etwa sieben Stunden pro Tag. Noch eindrücklicher ist allerdings der Anteil an Menschen, der mittlerweile sogar weniger als sieben Stunden pro Nacht schläft – während das 1942 noch 11% gewesen waren, waren es 2013 schon 42% in den USA. Wenig Schlaf kann zu gravierenden Einschränkungen führen, wie Experten berichten.

Schlaftrunken am politischen Steuer

Die sogenannte Chronobiologie beschäftigt sich mit der zeitlichen Organisation von physiologischen Prozessen. Christian Cajochen, ein führender Experte auf diesem Gebiet, sagte einmal: „Wer zehn Nächte hintereinander nur sechs Stunden schläft, befindet sich, was Leistungsvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit, Gedächtnis und Urteilskraft angeht, in einem Zustand, als hätte er ein Promille Alkohol im Blut“. Seiner Aussage folgend, sind PolitikerInnen, die auf diese Art und Weise dauerhaft leben (und das sind offenbar ganz schön viele), zwar fahruntauglich, halten das politische Steuer aber dennoch weiterhin in der Hand.

Politiker sind in „guter“ Gesellschaft, wie die traurige Sekundenschlafstatistik zeigt

Leider hört man auch allzu oft von Unfällen, die aufgrund von Sekundenschlaf verursacht werden und auf die Kappe des buchstäblichen Einschlafens am Steuer gehen. Tausende Todesfälle gehen also auf eine so banale Sache zurück – das „Nicht-Schlafen“. 26% der deutschen AutofahrerInnen gaben in einer Umfrage an, dass sie zumindest schon einmal beim Autofahren eingeschlafen sind, bei LKW-FahrerInnen ist dieser Prozentsatz mit 46% sogar fast doppelt so hoch. Mindestens gleich besorgniserregend ist allerdings die Tatsache, dass 43% der befragten Personen auch glauben, den Zeitpunkt des Einschlafens vorab abschätzen zu können. Mitnichten!

Mangelhafte Selbstwahrnehmung führt zum (politischen) Unfall 

Der Schlafforscher Roland Popp aus Regensburg hält den 43% der Befragten entgegen: „Schläfrige Personen überschätzen sich, wenn sie zu wissen meinen, wann genau ein Sekundenschlaf eintritt. Untersuchungen im Fahrsimulator mit EEG- und Video-Aufzeichnung haben ­gezeigt, dass die Leute oftmals gar nicht wahrnehmen, dass ihr Gehirn sich im ­Sekundenschlafstatus befindet.“ Im Falle der sich selbstüberschätzenden AutofahrerInnen wie im Fall vieler PolitikerInnen, sind die potenziellen negativen Folgen eines unzureichenden Schlafpensums für das individuelle Leben wie auch für die öffentliche Sache und damit die Volkswirtschaft massiv. Ob Verluste bei der Wirtschaftsleistung, Schwächung der Innovationskraft oder auch Gefährdung der Gesundheit – Zahlen, Daten, Fakten gibt es genügend dazu, die die Auswirkungen von zu kurzem Schlaf aufzeigen. Sie können diese hier noch genauer nachlesen: Powernap your way to productivity

Wir wissen, was zu tun ist. Warum tun wir es dann nicht?

In einer aufgeklärten, großteils bildungsaffinen und wohlhabenden Gesellschaft, also in einer Wissensgesellschaft wie der unseren, fragt man sich nun, warum wir an der derzeitigen Situation, ob im privaten oder auch im öffentlichen Bereich, nichts ändern (wollen). Was unsere subjektive Wachheit und auch die Bedeutung des Schlafes betrifft, stimmt unsere eigene Wahrnehmung und unser Gefühl wie so oft mit den Fakten nicht überein. (Viel) Schlaf wird in unserer Gesellschaft (bis jetzt) als nicht sonderlich wertvoll, sogar eher als vergeudete Zeit gesehen – wider die Fakten. Wie es bei vielen anderen Bereichen in der Geschichte war, ob es Bildungs-, Sozial-, Klima- aber auch Wirtschaftsfragen sind, muss die Bedeutung des Schlafes als solches auch erkannt werden, damit sich etwas ändern kann. Denn wenn der Schlaf (der Kunden) laut Netflix-Streamingdienst-Gründer, Reed Hastings, der größte Konkurrent seines Unternehmens ist, zeigt das betriebswirtschaftlich gesehen auf, dass Schlaf dem Wettbewerb nicht nur massiv ausgesetzt ist, sondern auch in sehr namhafter Konkurrenz steht.

Geben wir dem Schlaf die Bedeutung, die er verdient. Wir sind es uns und unserer (Um-)Welt schuldig

Schon ein 15-20-minütiger Powernap kann helfen, sowohl die persönliche als auch die politische „Unfallgefahr“ zu senken, wenn es nachts doch einmal zu einem allzu verkürzten Schlafpensum kommt. Mit Powernapping kann nicht nur das Unfallrisiko gesenkt werden, es steigert auch Kreativität, Wachsamkeit, Lern- und Konzentrationsfähigkeit sowie das Wohlbefinden. Ein Powernap nach Bedarf, kombiniert mit einem geruhsamen und ausreichend langen Nachtschlaf (also je nach individuellem Schlafbedürfnis im Durchschnitt zwischen 7-9 Stunden), führt zu einem bewussteren, nachhaltigeren und auch verantwortungsvolleren Leben für uns selbst und unsere Gesellschaft und würde auch viele der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) ein Stück näher an deren Umsetzung bringen.

Weniger ist oftmals mehr

Dass weniger (zu tun) oftmals mehr ist, ist bekannt. Und weniger zu tun und manchmal stattdessen einfach über etwas zu schlafen, ist schließlich auch eine Form des Tuns, nämlich des „produktiven Nichtstuns“ – klingt antagonistisch, ist es aber gar nicht. Genau das zeigt auch die Psychologieliteratur mit der Inkubationszeittheorie. Diese besagt, dass man Dinge während des Schlafes verarbeitet und gar nicht so selten mit einem „Aha-Erlebnis“, also einem kreativen Einfall, erwacht.

Abschließend könnten wir uns ein Beispiel an der neu gewählten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nehmen, die anscheinend Erfahrung mit Powernapping hat: Nach einem kurzen „Energietanken“ wieder erfrischt in Verhandlungen und Meetings gehen – ganz unter dem Motto: Wer nicht schläft, der nicht gewinnt. Nicht nur am Tag des Schlafes, dem 21. Juni, sondern generell sollten wir uns als Individuen und als Gesellschaft der Wichtigkeit des Schlafes bewusstwerden – es würde uns und unserer Umwelt guttun.

Guten Schlaf und, bei Bedarf, auch guten Powernap!

 

(sjs)

 

Hintergrund des Themas:

Im Rahmen seiner Masterarbeit an der Wirtschaftsuniversität Wien, die er zum Thema „Freiräume für MitarbeiterInnen und die Wirkungen auf die Unternehmenskultur, Kreativität und die Innovationskraft – analysiert am Beispiel des Powernappings“ verfasste, widmete sich der Autor dieses Blogbeitrags, Sebastian Swoboda, dem Thema des Schlafes und Powernappings aus einer betriebswirtschaftlichen und innovationsorientieren Perspektive.

 

Quellen:

https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/leadership/article13498370/Schlafmangel-belastet-Spitzenpolitiker-und-Manager.html

Coren, S. (1999). Die unausgeschlafene Gesellschaft (1. Aufl.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

https://news.gallup.com/poll/166553/less-recommended-amount-sleep.aspx

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/politik/na-dann-gute-nacht-81127

https://www.adac.de/verkehr/verkehrssicherheit/verkehrsmedizin/muedigkeit-sekundenschlaf-auto/

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1389945715006954?via%3Dihub

https://www.sueddeutsche.de/medien/reed-hastings-netflix-aktieneinbruch-1.4529791

https://www.respact.at/site/de/news/artikel/article/7616.html

 

Fotocredits: Rosmarie Voegtli

Das Foto wurde leicht verändert übernommen.

 

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