Warum wir arbeiten

Was ist überhaupt „Arbeit“?

Was ist „Arbeit“? Die allermeisten werden sich bei dieser Frage zunächst in ziemlicher Sicherheit wähnen, dass ihre Antwort einfacher nicht sein könnte. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass es gar nicht so einfach ist, allgemeingültig zu sagen, was denn nun „Arbeit“ tatsächlich ist. Beschränkt sich der Begriff „Arbeit“ bloß auf all jene Tätigkeiten, die Geld einbringen, sprich entgeltlich sind? Sind aber ehrenamtliche Tätigkeiten oder auch die Vollbringung von Haushaltstätigkeiten, die in Österreich zumeist unentgeltlich von Frauen erbracht werden, nicht auch „Arbeit“? Muss „Arbeit“ anstrengend sein? Aber Hobbys, die wohl eher keine „Arbeit“ sind, können auch verausgabend sein. Doch wer sieht in anspruchsvollen Freizeitaktivitäten „Arbeit“? Dass „Arbeit“ auch Spaß machen kann und mitunter soll, wird wohl kaum jemanden vor den Kopf stoßen. Wie verhält es sich dann mit Menschen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben, mit dem sie Geld verdienen?

Das „Polanyi-Paradox“, benannt nach dem Philosophen Michael Polanyi, beschreibt das Phänomen, dass Menschen unbewusst mehr wissen, als sie es bewusst beschreiben können. Recht intuitiv werden die meisten Menschen Arbeitstätigkeiten von Freizeittätigkeiten unterscheiden können, wenngleich die Artikulation präziser, universalgültiger Kriterien zur Abgrenzung beider ungemein schwerfällt. Man mag gar geneigt sein, zu meinen, dass das, was „Arbeit“ ist, im Auge des Betrachters liegt – sprich: es kommt auf den Kontext an.

Arbeit ist kontextual

Stellt man einen internationalen Vergleich an, fällt auf, dass der Begriff „Arbeit“ in jeder Sprache – und damit in jeder Kultur, in jeder Gesellschaft – teils deutlich verschieden verstanden wird. In der deutschen Sprache beschreibt „Arbeit“ nicht nur das Ausüben von Tätigkeiten durch Menschen, sondern sie findet sich als Terminus in vielen unterschiedlichen Disziplinen wieder. Physiker verstehen „Arbeit“ als die Veränderung der Energie eines Systems während eines Vorgangs beziehungsweise die Übertragung von Energie durch Kräfte auf einen Körper. In der Klassischen Ökonomie wird „Arbeit“ als Produktionsfaktor begriffen, in der Betriebswirtschaft hingegen als ein zielgerichteter Vorgang, der ein Gut oder eine Dienstleistung produziert. Die englische Sprache übersetzt „Arbeit“ zumeist entweder mit „work“ oder „labour“. Zwar sind beide Wörter in ihren Bedeutungen ähnlich, aber nichtsdestotrotz verschieden. „Work“ meint Tätigkeiten, die von Menschen unter körperlichem oder geistigem Einsatz getan werden, insbesondere entgeltliche Arbeit. „Labour“ beschreibt hauptsächlich praktisch veranlagte Arbeit, vor allem körperlich anstrengende.

Dass schon innerhalb der westgermanischen Sprachen, zu denen sowohl das Deutsche als auch das Englische zählen, derart große Unterschiede bestehen, zeigt: Jede Sprache, jede Kultur, jede Gesellschaft, jeder Mensch versteht „Arbeit“ anders. Was jedoch allen geläufigen Beschreibungen von „Arbeit“ gemein ist, dass Menschen Dinge tun, ob körperlich oder geistig, um etwas zu erreichen. Im weitesten Sinne meint „Arbeit“ somit, dass mit ihr durch eigenes Zutun ein bestimmtes Ziel verfolgt wird. So verstanden, liegt hierin die Bedeutung von Arbeit für den Menschen. Denn Arbeit gibt Menschen Ziele – und damit gewissermaßen einen „Lebenssinn“ oder einen „Lebenszweck“.

Arbeit als urmenschliches Bedürfnis

Neben der offensichtlichen substanziellen Notwendigkeit zu arbeiten, um den eigenen Lebensunterhalt sowie – sofern vorhanden – jenen der Familie bestreiten zu können, bedient Arbeit umso mehr ein urmenschliches geistiges Bedürfnis. Menschen brauchen für ihr seelisches Wohlbefinden Ziele, die sie durch eigenes Schaffen und Werken erreichen. So manch einer verortet in der Arbeit gar einen zweckgebenden Lebensinhalt. Der Spruch, dass Arbeit Würde verleihe, kommt nicht von ungefähr. Der deutsche Philosoph und Psychologe Karl Groos beobachtete beispielsweise in seinem „Die Spiele der Menschen“, dass schon Kleinkinder Freude verspüren, wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Wirken für etwas ursächlich ist.[1] Gängige Motivationsmodelle, wie etwa das einflussreiche „Job Characteristics Model“ von Richard Hackman und Greg Oldman, sagen aus, dass Menschen dann Zufriedenheit und intrinsische Motivation verspüren, wenn sie um die Bedeutung ihrer Arbeit und ihre Verantwortung für die Arbeitsergebnisse und -früchte wissen.[2]

Es liegt nicht fern, zu sagen: Dem Menschen wohnt das inhärente Verlangen inne, zu gestalten und zu schaffen. Wie schon Kleinkinder die Beziehung ihres Schaffens zum von ihnen Geschaffenen suchen, ist das Arbeiten als Vehikel zur Verfolgung von Zielen, gewissermaßen eines Zwecks, eine unabdingliche Komponente des Mensch-Seins. Einem Menschen die Möglichkeit zu nehmen, durch eigenes Tun Ziele zu verfolgen, also zu arbeiten, entmenschlicht ihn unweigerlich.

Arbeitslosigkeit ist ungesund

Unzählige Studien zum physischen und psychischen Wohlbefinden von Arbeitslosen bestätigen, dass Arbeitslosigkeit die körperliche und geistige Gesundheit verschlechtert.[3] Dazu trägt nicht nur die einhergehende Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung bei,[4] sondern auch eine tiefgehende Lustlosigkeit und Unstrukturiertheit im Alltag, die sich negativ auf die innerliche Motivation und das Selbstwertgefühl auswirken. Viele Arbeitslose empfinden sich als „nutzlos“, weil sie das Gefühl haben, dass die Gesellschaft sie nicht brauche.[5]

Schon die bahnbrechende Studie der „Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisel aus dem Jahr 1933 bescheinigt, dass Arbeitslose resignieren, verzweifeln und apathisch werden.[6] Bleibt das Nachgehen einer Arbeit aus, vergeht den Menschen die Lust an sozialen und politischen Engagements.[7] Ohne Organisation und Struktur, die zur Erreichung eines bestimmten Ziels eingerichtet werden, wie eben der Ausübung einer Arbeit, entsteht neben dem Eindruck, nicht mehr gebraucht zu werden, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.[8] Es geht bei der Arbeit also auch um das Gefühl, gebraucht zu werden. Arbeit stellt daher ebenso eine Form der Gesellschaftsteilhabe dar.

Auch ohne die Notwendigkeit, zu arbeiten, geht es nicht ohne Arbeit

Selbst bei Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen, um für ihr substanzielles Auskommen zu sorgen, nimmt das Arbeiten in aller Regel nach wie vor einen gewichtigen Stellenwert im Leben ein. Untersuchungen zu Lotteriegewinnern legen nahe, dass selbst ein hoher Gewinn die Motivation, zu arbeiten, kaum schmälert.[9] Ähnliches befinden Studien zu den möglichen Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens, als dass selbst bei Bestehen eines solchen, die meisten dennoch arbeiten wollen.[10]

Diesen Befund bestätigt eine Studie aus dem Jahr 2021, der zufolge sowohl zu wenig Freizeit als auch zu viel Freizeit dem eigenen subjektiven Wohlbefinden schade. Werde die „übermäßige“ Freizeit hingegen mit „lohnenswerten“ Aktivitäten verbracht, beispielsweise sinnstiftende Tätigkeiten, steige das Wohlbefinden wieder.[11] Das mag wohl auch ein Grund für den Stellenwert des Ehrenamts, das gesellschaftlich unverzichtbar ist, in Österreich sein. Immerhin engagiert sich rund die Hälfte der österreichischen Bevölkerung aktiv ehrenamtlich.[12] Ebenso zeigt sich die Bedeutung des Ehrenamts deutlich am Beispiel von Arbeitslosen, die mit ehrenamtlicher Arbeit ihr Selbstwertgefühl wieder aufbauen und sich dadurch abermals als Teil der Gesellschaft begreifen.[13]

Nicht nur Arbeit braucht Gesellschaft, auch Gesellschaft braucht Arbeit

Auf gesellschaftlicher Ebene sorgt Arbeit bei Weitem nicht nur dafür, dass Arbeitende Anteil an der Gesellschaft haben, sondern auch, dass jeder Arbeitende durch seinen Beitrag die Gesellschaft als Ganzes voranbringt, indem gesellschaftliche Ziele verfolgt werden. Denn ohne Menschen, die an der Erzielung von Zielen arbeiten, geht es schlichtweg nicht.

Das Prinzip der Arbeitsteilung anerkennt unter anderem, dass jeder Mensch für sich genommen einzigartig ist und daher über ein einzigartiges Portfolio an Fähigkeiten und Stärken verfügt. Nicht jeder kann alles machen und manche können manches besser als andere. Es ist daher nur sinnvoll, die anfallende Arbeitslast auf möglichst viele Schultern zu verteilen – die Eigenheiten der Individuen berücksichtigend. Dabei ist Arbeitsteilung nicht bloß eine Grundvoraussetzung unserer modernen Gesellschaft, sie ist umso mehr auch dafür verantwortlich, dass Menschen gemeinsam Ziele effizienter und effektiver erreichen.

Damit Menschen durch ihre Arbeit Wohlbefinden gewinnen können, ist es unerlässlich, dass die fraglichen Tätigkeiten „sinnvoll“ und „sinnstiftend“ erscheinen. Gerade hier offenbart sich die Verbindung zwischen individueller Arbeitsmotivation und der Gesellschaft. Während sogenannte „Bullshit-Jobs“, also als sinn- beziehungsweise zwecklos erachtete Tätigkeiten, Menschen mehr schaden können, als sie Nutzen bringen, entfalten „sinnvolle“ und „sinnstiftende“ Aufgaben positive Wirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft. Die Frage, was „sinnvoll“ oder „sinnstiftend“ ist, muss letztlich jeder für sich selbst beantworten.

Warum wir arbeiten

Was Arbeit nun ist? Arbeit ist ein Werkzeug, damit Menschen Ziele verfolgen und erreichen können. Arbeit ist zutiefst menschlich, weil Menschen Ziele – und damit einen „Zweck“, den jeder für sich selbst ausfindig machen muss – für ihre physische und psychische Gesundheit brauchen. Arbeit dient sowohl dem materiellen als auch dem immateriellen Auskommen. All das geschieht eingebettet in einem gesellschaftlichen Rahmen. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, kann Arbeit nie losgelöst von der Umwelt stattfinden. Arbeit heißt eben auch, ein Teil der Gesellschaft zu sein, indem mit Arbeit – idealerweise – ein Beitrag zugunsten dieser geleistet wird. In dieser Wechselbeziehung braucht Arbeit nicht nur Gesellschaft, sondern die Gesellschaft braucht genauso Arbeit und Menschen, die diese erbringen. Es bleibt: Menschen arbeiten, weil sie Menschen sind.

 

(tn)


[1] Groos, Karl: Die Spiele der Menschen, Jena, Deutschland: G. Fischer, 1899.

[2] Hackman, Richard/Oldham, Greg: Development of the Job Diagnostic Survey, in: Journal of Applied Psychology, Bd. 60, Nr. 2, 1975, S. 160.

[3] Penner, Michael: Arbeitslosigkeit und Gesundheitszustand unter spezieller Berücksichtigung älterer Arbeitsloser, Linz: Johannes Kepler Universität, 2009, https://www.gesundheitskasse.at/cdscontent/load?contentid=10008.693723 (abgerufen am 29.09.2021), S. 54 ff; Grobe, Thomas/Schwartz, Friedrich: Arbeitslosigkeit und Gesundheit, in: Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 13, 2003, https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/3162/28OCHPB2fJAAs_60.pdf?isAllowed=y&sequence=1 (abgerufen am 04.01.2024), S. 20 f.

[4] Vgl. Penner, 2009, S. 51 ff.

[5] Vgl. Penner, 2009, S. 100 f; Egger-Subotitsch, Andrea/Poschalko, Andrea/Kerschbaumer, Sandra/Wirth, Marlene: Die Relevanz von Einstellungsveränderungen im Zuge von Arbeitslosigkeit und Rehabilitation vor dem Hintergrund der Reintegration in den Arbeitsmarkt, Wien: Communicatio, 2014, https://ams-forschungsnetzwerk.at/downloadpub/AMS_report_100.pdf (abgerufen am 04.01.2024), S. 70.

[6] Jahoda, Maria/Lazarsfeld, Paul/Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal, 1. Aufl., Frankfurt/Main, Deutschland: suhrkamp, 1975, S. 73.

[7] Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel, 1975, S. 55 ff.

[8] Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel, 1975, S. 83 ff.

[9] Arvey, Richard/Harpaz, Itzhak/Liao, Hui: Work Centrality and Post-Award Work Behavior of Lottery Winners, in: The Journal of Psychology Interdisciplinary and Applied, Bd. 138, Nr. 5, 2004, doi:10.3200/JRLP.138.5.404-420, S. 418; Harpaz, Itzhak: Expressing a wish to continue or stop working as related to the meaning of work, in: European Journal of Work and Organizational Psychology, Bd. 11, Nr. 2, 2002, doi:10.1080/13594320244000111, S. 191 ff.

[10] Gilbert, Richard/Murphy, Nora/Stepka, Allison/Barrett, Mark/Worku, Dianne: Would a Basic Income Guarantee Reduce the Motivation to Work? An Analysis of Labor Responses in 16 Trial Programs, in: Basic Income Studies, Bd. 13, Nr. 2, 2018, doi:10.1515/bis-2018-0011, S. 9.

[11] Sharif, Marissa/Mogilner, Cassie/Hershfield, Hal: Having Too Little or Too Much Time Is Linked to Lower Subjective Well-Being, in: Journal of Personality and Social Psychology, 2021, doi:10.1037/pspp0000391, S. 11 ff.

[12] Tomaschitz, Wolfgang/Schmidinger, Paul: Zukunft für das Ehrenamt, Wien: Parlamentsdirektion, 2022, https://www.parlament.gv.at/dokument/unterlagen/Ehrenamt-Studie-2022.pdf (abgerufen am 08.01.2024), S. 17.

[13] Bednarek-Gilland, Antje: Fragiler Alltag, Hannover, Deutschland: creo-media, 2015, https://www.siekd.de/wp-content/uploads/2018/06/Fragiler_Alltag.pdf (abgerufen am 04.01.2024), S. 108 f.

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