Schweigt die Mitte?

Menschen waren wohl schon immer polarisiert. Und selbst wenn sie das nicht waren, so waren sie jedenfalls leicht zu polarisieren. Es mag wohl gar in der Natur des Menschen liegen, zu polarisieren und polarisiert zu werden. Die immer engmaschiger werdende Vernetzung von Menschen über alle möglichen Kommunikationskanäle hinweg hat zweifelsohne einen gewaltigen Beitrag zur Polarisierung geleistet – und tut dies nach wie vor. Sozialen Netzwerken wird oft gern vorgeworfen, sie würden ihre Nutzer in sogenannten „Bubbles“ einsperren, in intellektuellen Wohlfühlblasen, in der die eigene Meinung durch Gleichgesinnte gestärkt, doch durch Andersdenkende nicht zerplatzt wird.

Das Unvermögen andere Sichtweisen zu berücksichtigen, sie im produktiven „Kampf“ gegeneinander antreten zu lassen, befeuere nur die ohnedies schon grassierende Polarisierung, attestiert Ulrike Ackermann. Ob nun bewusst oder unbewusst, hätten sich die politischen Pole einer ausschließenden Identitätspolitik verschrieben, die sie dem anderen vorwerfen. Es verwundert irgendwie nicht, dass dogmatische Haltungen das Vermögen behinderten, wenn nicht gar verhinderten, die Lebensrealität des anderen, aus der sich eben auch seine Sichtweise auf die Welt speist, wenn schon nicht zu verstehen, zumindest doch zu sehen.

 

Abbruch des Debattenraums

Mit ihrem Essay „Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle“ rückt Ackermann den heutigen Debattenraum ins Licht, der, mit oftmals willkürlich anmutender Tabuisierung und kategorischer Verneinung abweichender oder gar konträrer Meinungen gefüllt, die Polarisierung und damit die Fragmentierung der Gesellschaft vorantreibt. Gerade dort, wo viele den Ausgang von Ideen, den Austausch von Gedanken verorten würden, hat eine zunehmende inhaltliche und intellektuelle Selbstbeschneidung Einzug gehalten. Hochschulen, so scheint es, sind nicht mehr ein Ort, an dem Studenten sich bilden, sondern einer, an dem sie ausgebildet werden. „Wo sollen die jungen Leute ansonsten das Argumentieren und Debattieren mit Andersdenkenden lernen?“, fragt Ackermann. Doch zeitgenössische Entwicklungen erwecken den Eindruck, Studenten könne man teils gänzlich abweichende Positionen und deren Vertreter nicht zumuten. Sollte aber trotz allem gewagt werden, das vermeintlich Unzumutbare zuzumuten, so sind sogenannte Shitstorms und eine inhaltlich restriktive Hochschulpolitik oftmals die Folge. Cancel Culture, oder Abbruchkultur, nennt sich dieses Phänomen, dessen Name aus dem anglosächsischen Raum Eingang in den deutschen Sprachgebrauch gefunden hat. Letztlich, so könnte man zynisch meinen, werden Hochschulen auch heute noch ihrem Ruf als Ausgangspunkt von Entwicklungen gerecht, zumal eine weite Verbreitung dieser Boycottkultur in den unterschiedlichsten Bereichen zu beobachten ist.

 

Polarisiert und gespalten

Die inhaltlich-intellektuelle Segregation geschieht entlang der gesellschaftlichen und sozialen Gräben. So spielen zum Beispiel die Stadt und das Land seit jeher ein ewiges Tauziehen, das erstere in Zeiten der Globalisierung zu gewinnen scheint. Die Mittelschicht ist im Wandel begriffen. Die vermeintlich klassische Mittelschicht, mit solider Ausbildung und gelerntem Beruf, sieht sich einer, wie Ackermann sie nennt, „neuen Mittelklasse“ gegenüber, die „hoch qualifiziert, selbstbewusst, erfolgreich und mobil“ ist. Die zunehmende Prekarisierung und immer höheren Geschwindigkeiten in der postindustriellen Gesellschaft wirft altbekannte Strukturen vor neue Herausforderungen, die verständlicherweise viele Ängste und Sorgen provozieren.

In der Tat, die Lebensrealitäten der heutigen Zeit scheinen immer weiter auseinander zu driften. Gesellschaftliche Eliten, die immer homogener und exklusiver zu werden scheinen, und ihr kosmopolitischer Lebensstil verlören zunehmend den Bezug zur Realität der breiten Bevölkerung. Antworten auf Fragen der Zukunft, insbesondere zur Digitalisierung, hätten sie nicht, bemängelt Ackermann. Gerade das befeuert natürlich die ohnedies schon vonstattengehende Erosion des Vertrauens der Bevölkerung in ihre Eliten, die für ihr Scheitern und Fehlverhalten scheinbar nicht eintreten müssen. Es verwundert daher auch nicht, dass ausgerechnet diese Gleichgültigkeit und Verantwortungslosigkeit Nährboden für Populismus ist, der vorgaukelt, mit einfachen Antworten Lösungen für komplexe Fragen geben zu können. Dass das beim Wähler vielerorts Anklang findet, zeigt sich im „Absturz der Volksparteien“, denen immer weniger Vertrauen entgegengebracht wird.

Wie der Begriff „Polarisierung“ schon verrät, ist eine polarisierte Gesellschaft eine gespaltene. Ackermann führt aus, dass es eine Errungenschaft der modernen, aufgeklärten, westlichen Welt sei, dass eine kollektive Identität nicht mehr mit Zwang erzwungen werden müsse, sondern dass sie in der Individualität des Einzelnen ruhe. Doch „westliche Selbstzweifel“ seien im Auftrieb begriffen. „Der westliche Individualismus und die Säkularität werden zunehmend in Frage gestellt“, befindet Ackermann. Um dem entgegenzuwirken, sei ein unmissverständlicher Heimatbegriff, eingebettet in realen Rahmenbedingungen, unverzichtbar.

 

Die Lösung im Vakuum

Es wirkt wie ein intellektuelles Vakuum, das Ackermann dringend füllen will – mit Intellektuellen in der Mitte, die sich dem Diskurs, dem Wettbewerb der Ideen und Gedanken, der Meinungen und Haltungen hingeben. Es bedürfe anstelle einer Links-Rechts-Polarisierung einer „antitotalitären Selbstaufklärung“ aus der politischen Mitte. Letztlich, so wie Ackermann mit ihrem Essay Lösungsansätze in den Debattenraum wirft, um selbst Gegenstand von Auseinandersetzung zu werden, so gilt es dem österreichischen Motto getreu zu bleiben: Nur durch’s Reden kommen d’Leut zam – und das geht eben nur, wenn sie sich in der Mitte treffen.

(tn)


Ulrike Ackermann

Das Schweigen der Mitte. Wege aus der Polarisierungsfalle

2020. 206 S. wbg Theiss, Darmstadt.

ISBN 9783806240573

 


Beitragsbild: „Arguments“ – Jeff Eaton (CC BY-SA 2.0)

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