12. November 2012

Dr. Jörg Dräger im Interview

Dr. Jörg Dräger hat uns exklusiv 5 Fragen zum Thema Chancengerechtigkeit beantwortet.

 

Was sind Ihrer Ansicht nach die Grundprinzipien einer chancengerechten Gesellschaft?
Eine chancengerechte Gesellschaft investiert in die Chancen aller, hat aber nichts mit Gleichmacherei zu tun. Sie lässt Raum für Vielfalt und Individualität, für Kreativität und Exzellenz – und eben auch für Unterschiedlichkeit. Denn Leistung und Gerechtigkeit müssen kein Widerspruch sein, wenn jeder seine Chance bekommt. Unterschiedliche Entwicklungen dürfen nur nicht zu sehr vom Sozialstatus der Eltern abhängen.
Wie muss mit dem Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit in unserem Bildungssystem umgegangen werden, wenn es um die Zukunftschancen unserer Kinder geht?
Ein System, in dem alle gleich schlecht sind, ist weder fair noch wettbewerbsfähig. Ein System, in dem alle gleich gut sind, gibt es nicht. Ein gutes Bildungssystem schafft Chancen für alle, führt aber nicht zu Gleichheit in unserer Gesellschaft. Chancengerechtigkeit bedeutet, dass die enge Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft abnimmt. Dazu müssen alle Kinder optimal gefördert werden – auch die besten, die meist am schnellsten lernen. So steigen die durchschnittlichen Leistungen, der Abstand zwischen den Schlechtesten und den Besten kann dabei aber größer werden.
Welche Rolle spielen Freiheit und Verantwortung im Hinblick auf die Chancengerechtigkeit?
Chancengerechtigkeit ist geradezu eine Grundvoraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft. Denn nur wenn jedes Kind zum Zeitpunkt seiner Geburt grundsätzlich die Möglichkeit hat, seine Potenziale voll zu entfalten, lässt sich die individuelle Freiheit jedes Einzelnen dauerhaft legitimieren. Der Staat und wir alle haben die Verantwortung, alles zu tun, um eine chancengerechte Gesellschaft zu verwirklichen und so unsere persönliche Freiheit zu stärken. Gute Bildung ist ein Schlüssel zu Freiheit: Denn Bildung entscheidet in einer modernen Wissensgesellschaft über die Möglichkeiten, die ein Mensch in seinem Leben besitzt. Sie bestimmt wie nichts anderes die Chancen zu beruflicher Selbstverwirklichung, sozialer Teilhabe, ökonomischem Erfolg und persönlicher Zufriedenheit.
Jetzt liegen sowohl in Österreich als auch in Deutschland viele Konzepte auf dem Tisch, die aufzeigen, was wir ändern müssen, wenn wir über das Bildungssystem Chancengerechtigkeit schaffen wollen. Warum werden diese Konzepte nicht umgesetzt? Welche Hürden liegen da im Weg?
Das hat mit unserer gesellschaftlichen Grundeinstellung zu tun. Verteilungsgerechtigkeit ist uns traditionell wichtiger als Chancengerechtigkeit. Daher entschädigen wir lieber Menschen über Sozialleistungen für mangelnde Chancen und Verdienstmöglichkeiten, anstatt die Chancen gerechter zu verteilen. Die Folge: Unsere Sozialsysteme verschlingen in Deutschland, trotz aller Reformversuche und Kürzungen, über die Hälfte der Etats von Bund, Ländern und Kommunen, während für die Bildung nur weniger als 10 Prozent verbleiben. Mit anderen Worten: Lieber gleichen wir im Nachhinein die durch ungenügende Bildung verursachten Nachteile im Sozialetat teuer aus, als sie durch ausreichende Bildungsinvestitionen von vornherein zu verhindern. Wir reparieren, statt zu investieren. Das muss sich ändern.

 

Wenn Sie unterschiedliche Bildungssysteme international miteinander vergleichen, welche tragen am meisten zur Chancengerechtigkeit bei? Was können wir davon lernen?
Es gibt nicht das eine beste Bildungssystem, aber mehrere, von denen wir lernen können. So ist der entscheidende Hebel für mehr Chancengerechtigkeit die frühkindliche Bildung. Wenn Kinder schon unter drei Jahren eine Krippe besuchen, erhöht sich zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuchs deutlich. Am stärksten profitieren dabei Kinder aus bildungsfernen Familien. Anders als z.B. in Dänemark, wo drei von vier Kindern schon vor ihrem dritten Geburtstag in die Kita gehen, gibt es in Österreich genauso wie in Westdeutschland gerade einmal für jedes fünfte Kleinkind einen Krippenplatz. Kanada wiederum ist ein gutes Beispiel, wie Leistung und Gerechtigkeit im Schulsystem gleichermaßen erreicht werden können. Dazu würde bei uns neben besserer individueller Förderung auch der Ausbau von Ganztagsschulen beitragen. Auch hier hinken wir im internationalen Vergleich noch stark hinterher.

Wir verfolgen ein klares Ziel:
Wir wollen Österreich nach vorne bringen

Mit neuen Ideen, einer ehrlichen und
mutigen Politik und auf Basis zeitloser Werte.


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