21. Oktober 2013

Bildungsexpertin Univ.-Prof. Spiel: „Frühkindliche Bildung muss Teil des Regierungsprogramms sein“

Psychologin und Bildungsexpertin Prof. Christiane Spiel erklärt in einem Interview warum ein Fokus auf frühkindliche Bildung gesetzt werden muss, was sie von einem fließenden Übergang vom Kindergarten zur Volksschule hält und warum der Kindergarten nicht als Betreuungs- sondern als Bildungseinrichtung gesehen werden muss.

1. Viele nationale und internationale Studien zeigen auf, dass ein wesentlicher Schwerpunkt in der frühkindlichen Bildung gesetzt werden muss. Welche positiven Effekte ergeben sich für Kinder durch frühkindliche Bildung?

Eine Reihe von Studien zeigen, dass der Kindergartenbesuch in einem positiven Zusammenhang mit dem weiteren Schulerfolg steht. So werden Kinder mit Kindergartenbesuch bei Schulbeginn weniger oft zurückgestellt, sie müssen weniger häufig Klassen wiederholen und werden auch seltener in Sonderschulen überwiesen. Insbesondere bei Kindern aus benachteiligten Familien bzw. bei Familien mit Migrationshintergrund reduziert sich die Häufigkeit des Sitzenbleibens durch den Kindergartenbesuch. Ein längerer Kindergartenbesuch hat auch positive Effekte auf spätere Leistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

2. Gerade Kinder mit Migrationshintergrund profitieren verstärkt von frühkindlicher Bildung. Welche Rahmenbedingungen und Maßnahmen braucht es, um diese verstärkt im Bildungssystem zu integrieren?

Zentral ist die Prozessqualität. Das heißt die Interaktionen und Aktivitäten, die das Kind tagtäglich in der Kindergartengruppe mit der erziehenden Person, den anderen Kindern und seiner räumlich-materialen Umwelt macht. Diese Prozessqualität hat die höchste Bedeutung für die Bildungsergebnisse der Kinder. Das gilt für alle Kinder, nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund.

3. Was halten Sie von der Idee eines fließenden Übergangs vom Kindergarten zur Volksschule zwischen dem 5. und 7. Lebensjahr abhängig von der persönlichen Entwicklung des Kindes insbesondere dem sprachlichen Niveau?

Ein solches Modell wurde in einem Kanton der Schweiz erprobt mit guten Ergebnissen. Wichtig ist nur, dass die Bildungsergebnisse dieser Kinder auch in den folgenden Schuljahren entsprechend aufgegriffen werden. Denn sonst geht das Erworbene wieder verloren. Dies gilt generell. Eine hohe Schulqualität kann fehlenden Kindergartenbesuch kompensieren bzw. umgekehrt können positive Effekte des Kindergartenbesuchs durch geringe Schulqualität wieder verschwinden.

4. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation der frühkindlichen Bildung in Österreich? Welches Land kann als Vorbild dienen und wieso?

In Österreich mangelt es sowohl quantitativ am Angebot speziell für die ersten Lebensjahre, als auch an einheitlichen Standards. Das bereits angeführte Beispiel aus der Schweiz ist ein guter Ansatz. Generell sind die nordischen Länder hier führend. Die vorschulische Bildung ist dort auch flächendeckend ausgebaut.

5. Welche fünf Punkte dürfen in einem neuen Regierungsprogramm zum Thema frühkindliche Bildung nicht fehlen?

– Klare Zuordnung von Kindergärten zum Bildungsbereich
– Ausbau der Angebote vorschulischer Bildung (speziell für die ersten Lebensjahre)
– Einheitliche Standards auf Bundesebene
– Etablierung einheitlicher Qualitätsmanagementssysteme
– Zweites verpflichtendes Kindergartenjahr

Längerfristig sollte die Ausbildung der KindergartenpädagogInnen auf akademisches Niveau gehoben werden. Ein entsprechender Strategieplan sollte möglichst rasch erstellt werden.

Wir verfolgen ein klares Ziel:
Wir wollen Österreich und Europa nach vorne bringen

Mit neuen Ideen, einer ehrlichen und
mutigen Politik und auf Basis zeitloser Werte.


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